Perexception: Ein facettenreiches Mosaik zwischen Wahrnehmung, Widerstand und Menschlichkeit
Rezension von İlyas İnevi
Wie erzählt man von sich, ohne sich ständig erklären zu müssen? Marco Linguri findet in Perexception seine eigene Form. Mit Prosatexten, Lyrik und Grafiken erschafft er eine literarische Komposition, die gleichermaßen intime Einblicke gewährt wie gesellschaftliche Fragen aufwirft.
Der Titel vereint zwei englische Begriffe: „Perception“ (Wahrnehmung) und „Exception“ (Ausnahme). Schon damit setzt Linguri den thematischen Rahmen – jede Perspektive ist einzigartig, jede Erfahrung eine Ausnahme. Wie er zu Beginn schreibt:
„Eine Perspektive ist erst einmal eine Perspektive und damit Wahrnehmung einer Person. Über das, was wir wahrnehmen, bauen wir uns dann wiederum unsere Wahrheit zusammen.“
Das Buch ist ein Mosaik aus Prosatexten, Gedichten und Grafiken. Man kann es in einzelnen Fragmenten lesen oder als Ganzes in seine Architektur eintauchen. Jedes Stück wirkt wie ein Puzzleteil, das den Blick auf die Seele des Autors etwas mehr freilegt. Die Sprache ist geschmeidig, persönlich und zugleich würdevoll – eine Mischung, die eine Nähe schafft, der man sich kaum entziehen kann.
Linguris Lyrik erinnert zugleich an den jungen und den gereiften Goethe. Nicht nur wegen einer beschriebenen Italienreise, sondern vor allem durch leidenschaftliche Liebesgedichte, in denen er emotionale Intensität mit Naturmotiven verbindet – eine zeitgenössische Variante romantischer Naturlyrik.
Sehnsucht ist ein Leitmotiv. Nach wem oder was bleibt oft bewusst offen: Liebe, ein bestimmter Mensch, das Bedürfnis nach Verstandenwerden – oder das Universum selbst. Dieser Freiraum lädt dazu ein, eigene Antworten hineinzulegen. Die Natur ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern Gegenüber, Konzept, Gefühlsraum. So stellt Linguri konservative Naturbilder – das Bezwingende oder Bedrohliche – infrage.
Ein spannendes Element ist die Mehrsprachigkeit: Linguri schreibt teils in anderen Sprachen, ergänzt durch deutsche Übersetzungen. Das verleiht seinem Werk zusätzliche kulturelle Tiefe und macht den Autor für uns Leser*innen noch greifbarer.
Besonders berührt hat mich seine emotionale Präzision beim Umgang mit Trauer und Tod. Oft sind es kleine Alltagsbeobachtungen, die plötzlich eine große Schwere und Tiefe entfalten. Neben diesen existenziellen Themen greift Linguri auch Heimat, Kindheit und das Erwachsenwerden auf.
Als migrantisierte Person bringt er Perspektiven ein, die von Selbstbestimmung geprägt sind. Das Werk wirkt dabei nicht wie erklärende „Betroffenheitsliteratur“, sondern leistet eine literarische Form des Widerstands. Linguri schafft einen inneren „Safer Space“ und macht deutlich: Das Leben marginalisierter Menschen ist oft automatisch autobiografisch – nicht aus Wahl, sondern weil gesellschaftliche Strukturen dazu zwingen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Durchbrechen von Fremdbestimmung. Linguri bricht stereotype Projektionen, etwa das oft auf queere Menschen reduzierte „Spiegel“-Motiv. Perexception ist keine Schaufensterfläche für neugierige Blicke, sondern eine Einladung an die, die bereit sind mitzudenken und mitzuspüren.
Auch die Konfrontation mit Missbrauchserfahrungen verschweigt er nicht. Als Abuse-Survivor schreibt Linguri von Abrechnung und Heilungsprozessen. Hier habe ich gemerkt, wie sehr Schreiben für ihn eine Form der Selbstermächtigung ist.
Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis: „Perexception“ ist mehr als nur ein Buch. Es ist eine Reise durch Emotionen, Themen und Wahrnehmungen. Linguri stellt die Frage:
„Bist du mutig genug zu fühlen … in einer Gesellschaft aus Eis?“
Wer mit „Ja“ antwortet, wird hier eine tiefgründige und bereichernde Lektüre finden.
Das Werk ist in jeder Buchhandlung erhältlich oder direkt beim Verlag Books on Demand:
https://buchshop.bod.de/perexception-marco-linguri-9783819247415
